Ein merkwürdiger Tag
Aug/100
Ich tastatierte die Zahlenkombination ein und bestätigte meinen Einkauf. Die Roboterfrau hinter der Kasse streckte die Kaufquittung in eine ungefähre Richtung, ungefähr in die meine. Hinter mir knallte jemand einen Multipack Wienerli auf das Förderband. Dazu folgten zwei Zeitungen, wobei es sich nur bei einer um eine richtige Zeitung handelte. Eine Schlagzeile unter vielen wusste irgendwas über einen gewissen Terror-Igor zu schreiben. Ich fragte mich, wer sich einen solchen Mist anschauen, geschweige den schreiben will.
Bald einmal bewegte sich diese Merkwürdigkeit samt den fünfzehn Wienerli in Richtung Roboterfrau, welche die Ware mit einem ihrer Roboterarmen anhob und einscannte. Ich schulterte meinen Rucksack und entzog mich dem Kunstlicht. Draußen bepackte sich der Himmel zusehns mit grossen Wolken. Würde er bis zum Abend hin dicht halten, so hätten bestimmt viele Kinder Freude. Es würde ein mit abendroten Zuckerwatten übersähter Himmel werden. Dies stellte ich mir zumindest so vor. Trotzdem beschloss ich hurtig in den Zug zu steigen und wegzufahren.
Unterwegs nach Zürich verabredete ich mich mit Magnus. Als der Zug schliesslich einfuhr und ich mich ins übliche Kaffee setzte, war Magnus, wie gewohnt, noch nicht da. Ich konsumierte einwenig vor mich hin und beobachtete das Treiben der Menschenvielfalt. Besonders die wartenden Bahnhofsbenutzer zeigten eine eigenartige Angewohnheit. Alle schauten überdurchschnittlich oft auf ihr Handy. Ob sie wohl meinten etwas zu verpassen? Die herein und davon fahrenden Züge jedenfalls nicht, vielleicht was anderes. Stetig zogen sie es aus ihren Hosen, Jacken oder den Taschen hervor. Andere behielten ihr Handy dauernd in der Hand, auch Frisuren wurden darin gespiegelt. Denkbar, dass es sich wie beim Gähnen verhielt. Wenn einer loslegt dann gähnt es halt einfach durch den Nächsten durch. Ganz einfach, ganz wie von selbst. Ich griff in meine Hosentasche und blickte auf mein Handy.
Später, Magnus kam irgendwann doch noch, sprachen wir über dies und jenes, auch über Merkwürdigkeiten.
«Finde ich gut, die Sache mit den Wienerli und der Roboterfrau.»
«Und den Terrormedien», fügte ich an.
«Hmm, vielleicht werde ich das in mein neues Buch schreiben.»
«Dein Erstes. Und, nein, nichts wirst du darüber schreiben.»
«Wieso nicht?»
«Weil ich auf mein erstes Buch warte. Klar?»
«Klar, Ehrensache.»
Wir prosteten einander zu und unterhielten uns noch eine Weile. Später fuhr ich zurück nach Bern. Unterwegs stapelten sich die abgegriffenen, die nicht richtigen Zeitungen haufenweise auf den Sitzbänken und Kaffeetischen. Zuhause schlug ich mein persönliches «Fazitbuch» auf und notierte:
Buch: Kapitel 1, ein merkwürdiger Tag. Zum Glück halten Terror-Medien nicht länger als ein Multipack Wienerli. Punkt.
Sonnenstich?
Jul/101

Wo? Velostadt Winterthur.
Ein Scherz? Leider nicht!
Temperatur: 32 Grad.
Sonnenstich? Ist nicht auszuschliessen.
Geklaut – ein Arschtritt aus Liverpool
Mai/100
Ich sass einem grünen T-Shirt, in dem ein hagerer Kerl feststeckte und unentwegt an seinem Zugbillet nagte, gegenüber. Auf der diagonal gelegenen Sitzgruppe löffelte ein relativ bärtiger Kopf, er schien auf einem rosa Frauenpullover aufgesteckt zu sein, ein Jogurt aus. Nach einer Weile ersetzte er seine Ohren durch Kopfhörer und gab gelegentlich Laute wie bidi bidi-bip-bidi bi von sich. Mir wäre es lieber gewesen, dass er noch irgendetwas in sich rein gelöffelt als raus gelassen hätte.
Aus den Fugen – eine Selbsterkenntnis
Mai/101
Nach durchzogenen Nächten fühle ich mich in letzter Zeit älter als auch schon. Klingt an und für sich ganz logisch, weil man sowieso nach jeder Nacht älter wird, tagsüber ebenfalls. Eigentlich immer, ob gefühlt, nüchtern oder keines von beiden. Trotzdem muss ich zugeben, dass so mancher Übermut stärker in die Kochen fährt als jener, unbekümmerter von früher. Manches hingegen bleibt dasselbe, leider.
Neulich, ich spülte gerade eine Tablette in mich hinein, entdeckte ich neben der Kaffeemaschine ein Stück Würfelzucker.
Die Botschaft
Apr/100
Die Melodie von Yann Tiersen`s La Valse d`Amélie weckte mich eine gute Stunde zu früh. Aus irgend einem Grund hatte ich dies am vorherigen Abend beschlossen. Den Grund wusste ich leider nicht mehr. Trotzdem, mit dem Tag aufzustehen ist sicher etwas gescheites. Denn er, der Tag, tut dies ja auch. Täglich. Also konnte diese Entscheidung bestimmt nichts Schlechtes in sich bergen. Die Vögel zwitscherten und ab und zu tapsten flinke Absätze vorbei.
Finderlohn
Feb/103
Teil 1
Als Fahrgast im städtischen Verkehrsnetz kann man, wenn man will, so einiges erfahren oder erdenken. Manchmal nicht viel, weil es einfach um Nichts geht. Dann und wann mehr als einem lieb ist. Kopfhörer als Schutz gegen unliebsames Gefasel liegt mir nicht. Ich fühle mich einfach zu alt dazu. Oder ehrlich gesagt, es sieht einfach Scheiße aus, wenn erwachsene Menschen so verkabelt herumlaufen. Zu hören gabs daher für mich nichts individuelles, neulich. Zu sehen dafür so manches und zu lesen sowieso nur dummes. Aufzulesen hingegen jede Menge.
Einfach loslassen, den Scheissdreck
Nov/094
Neulich war ich Katzen füttern. Ich fuhr aus der Stadt aufs Land hinaus. Je weiter mich mein Auto aus dem Grauschleier lenkte, desto stärker nahm ich wahr, dass ich ein Mensch bin. Nicht weil ich mich zuvor als Tier fühlte, nein, nicht gerade so. Etwas war unstimmig, irgendwie vermurkst. Diese verwunderliche Selbstentfremdung fand ihren Ursprung in einem Motivationsschreiben. In meinem Motivationsschreiben. Ich hatte keine Lust in mich zu gehen und überließ dies vorerst einmal dem Kaffee.
In etwa da lang
Okt/090
Wann oder warum sollte man dem Weg dieser Doppelbeschilderung folgen?
Hier zwölf mögliche Gründe:
- nach saisonalen Fehlschüssen
- wenn man erst zuhause merkt, dass das neue Haustier gar kein Büsi sondern ein Hirsch ist
- für Wilderer mit schlechtem Gewissen
- wenn beim Bocken das Horn bricht
Die Abnabelung – oder zumindest ein Versuch
Sep/090
Ich trat ins Freie und ließ die Türe ins Schloss fallen. Zu meinem Erstaunen war sie noch nicht da. Hatte sie sich etwa verspätet? Eigentlich ließ sie nie auf sich warten. Gegenteiliges prägte die Regel unserer Treffen. Ich sputete mich nach ihr. Doch dies sollte sich nun schlagartig ändern.
Die Abnabelung einer langjährigen Beziehung ist bekanntlich nicht immer ganz einfach. Eigentlich nie. Doch wenn es sein muss, dann muss es halt einfach sein. Klingt scheiße, klingt bequemer als in Wirklichkeit. Und trotzdem hatte ich mich gestern Abend dafür entschieden, dass sie mir künftig gestohlen bleiben kann!
Sie muss raus
Aug/092
Es ist schön, das Velofahren. Ökologisch bewegen wir uns von A nach B, vom Antritt bis zum Bremsen. Da fährt man gerade aus, rauf oder runter, manchmal fällt man auf die Fresse. In den seltensten Fällen gibt es Staus, Parkmöglichkeiten lassen sich auch immer finden, ansonsten erfindet man einfach eine. Eine saubere und stressfreie Angelegenheit, das Velofahren. Aber in gewissen Momenten eben leider nicht.
