Ranzenpfeifen

19
Mär/07
1

Um flexibel und weitstirnig zu bleiben, beschloss ich, gewisse Gewohnheiten zu ändern. Kurz gesagt, Kampf dem Entwicklungsstau. Mein Veränderungsansatz zielte auf – wie kann es anders sein – den schizophrenen Zeitgeist der Ernährung.

Einige Tage später sass ich – verdammt früh – im IC 708 nach Bern, geschäftlich. Auch in diesem Quartal drängte sich die Pflege der bestehenden Connections in den Vordergrund. Den obligaten Kaffee mit Bio-Vollkorngipfeli hatte ich mir vor der Fahrt verboten. «Gewohnheiten ändern. Heute noch!!!», verriet mir mein Planer. Also kaufte ich mir eines dieser M-Buget Energy Drinks – mega trendy – und ein Magerjoghurt – mega körperbewusst. Zugegeben, dieses Dosengetränk liess einige Fragen aufkommen. Skeptisch las ich die Inhaltsstoffe der trinkbaren Flüssigkeit durch. Wasser, Zucker, Glukose, Säuerungsmittel wie Zitronensäure und E331, Kohlensäure, Taurin, Glucuronolacton, Aroma, Farbstoffe, E101, Zuckerkulör, Inosit, Koffein und vier Vitamine. Potz Blitz! Gewagte Sache! Eingeschüchtert sah ich mich um. Auf den gegenüberliegenden Sitzplätzen sassen zwei junge Frauen. Sie schwatzten aufgedreht, drückten an ihren Handys herum und gaben hysterische Laute von sich. Beide hielten ein solches Getränk in den Händen. Nebenwirkungen?


«Mach schon», sagte ich leise zu mir. Nach einem kurzen Zischen roch ich den süsslichen Duft dieses taurin- und koffeinhaltigen Spezialgetränkes. Spezialgetränk, wow! Ich nippte, nahm einen kräftigen Schluck und stellte die Dose auf der dafür vorgesehenen Fläche ab. Süss. Süss und kühl war alles, was mir in diesem Moment einfiel. Da süss angeblich sympathisch macht, war ich davon überzeugt, dass die nächsten Stunden locker vorbei ziehen würden. Minuten später landete die leere Dose im grauen Mülleimer. Mein Magen brummte. Es folgte der zweite Teil meines Morgenessens. Ich löffelte die energieverminderte Masse aus Erdbeeren, Naturfasern, Oligofruktose, Inulin, Magerjoghurt, Aspartam, Phenylalanin, rote Bete Saftkonzentrat, Zitronensaftkonzentrat und weiteren Aromen in mich hinein und dachte wehmütig an ein Gipfeli. Kurz nach Burgdorf machten sich leichte Krämpfe in der Magengegend bemerkbar. Nervös? Ich doch nicht. Dann, Ankunft in Bern, Tasche lässig über die Schulter schwingen, Zigi anzünden, wieder einmal e chli Bärndütsch lose, rein ins Tram, Luisenstrasse raus, ein letzter Furz, Lächeln, Hände schütteln, Handy auf lautlos stellen und eine sympathische Atmosphäre herauf beschwören.


Knappe zwei Stunden später verliessen alle Beteiligten den sterilen Sitzungsraum. Das Treffen war wie erwartet gut verlaufen. Jedoch hatte sich während der Sitzung eine gröbere Unstimmigkeit in meinem Stoffwechselorgan vollzogen. Es brodelte, röhrte, sauste, glubste, gaste und stach wie verrückt. Ernährungstechnisch bedingt?
Um die Wartezeit auf den nächsten Zug zu überbrücken, trank ich einen Kamillentee. Die schlimmsten Schübe der Magenkrämpfe waren inzwischen ausgestanden und am abklimmen. Ich war gearde im Begriff zu gehen, da vibrierte meine linke Jackentasche.


«Hoi Urs.»

«Hallo. Nur kurz. Wie verlief die Sitzung?»

«Eigentlich ganz gut.»

«Was heisst eigentlich?»

«Ach, nur so. War etwas früh am Morgen, du verstehst.»
Kurze Pause, dann wieder Urs.


«Aha. Herr Walter hat mich vor fünf Minuten angerufen.»

«Herr Walter aus Bern», fragte ich verwundert.

«Ja. Walter aus Bern. Er klang etwas beunruhigt in Bezug auf unsere Zusammenarbeit. Muss ich da etwas wissen?»

«Nein», antwortete ich vorsichtig, was auf der anderen Seite der Leitung ein leises Stöhnen auslöste.

«Nun, mein Lieber. Herr Walter ist aufgefallen, dass du während der Sitzung einige Male nach draussen gegangen bist, wahrscheinlich telefonieren, wie er annimmt. Zusätzlich seihst du unruhig auf dem Stuhl gesessen, hättest dauernd nach der Uhrzeit geschaut und somit einen unzufriedenen Eindruck hinterlassen.»

«Ach so.»

«Was heisst ach so», Urs klang etwas genervt.

«Magenkrämpfe.»

«Magenkrämpfe?»

«Ja, sonst nichts. Aber es geht wieder.»

«Sicher?»

«Ganz sicher.»

«Dann bin ich ja beruhigt. Ich meine wegen der Sitzung. Ehmm, äh, wegen deinem Ranzenpfeifen natürlich auch.»


Er wünschte mir noch einen angenehmen Tag und legte auf. Ich entschloss mich solche Versuche in Zukunft genauer zu durchdenken und eventuell andere Gewohnheiten zu ändern. Auf dem Nachhauseweg traf ich auf den ursprünglichen Werbeslogan dieser Spezialgetränke. «Verleiht Flügel», stand da. Nur, wo tragen diese Flügel den Konsumenten hin? Süss muss also nicht zwingend sympathisch machen. Ähnliches gilt für Joghurts mit 0,0001 Prozent Fett. Knochendürr werden wir irgendwann sowieso, mit oder ohne Unterstützung von gewissen Stoffen.

Kategorie: Kolumne
Kommentare (0) Trackbacks (1)

Lass von dir hören!